“Pornosüchtige Männer wollen in den Arsch gefickt werden” behauptet zumindest die französische Schriftstellerin Virginie Despentes in einem Interview in der aktuellen Jungle World. Das mag stimmen, meiner Meinung nach gilt diese Aussage jedoch bei weitem nicht nur für pornosüchtige Männer. Euer Freund Cliff etwa sieht den größten Vorteil von Pornokinos lediglich in der heutzutage selten anzutreffenden Möglichkeit, überall rauchen zu können. Aber apropos Pornos: Ebenfalls in der aktuellen Jungle World findet sich ein Vorabdruck eines sehr interessanten Artikels von Martin Büsser aus der Testcard 17, aus dem ich kurz zitieren möchte:
“Wie aber verhält es sich mit dem Schwulenporno? »Schwule Pornos sind Filme von Fans für Fans«, schreibt Anna Voswinckel. »Man könnte sie daher in Anlehnung an Fanzines ›Fanporn‹ nennen. Gay Porn ist ein selbstverständlicher Bestandteil der Community.« Ist der Schwulenporno als Produktion für eine Minderheit also nicht schon per se immer »Indie«? – Wenn für Indie allerdings das oben angesprochene Versprechen von Authentizität, Echtheit und Unverstelltheit charakteristisch ist, dann muss mit einem eindeutigen »Jein« geantwortet werden. Der Schwulenporno kennt keine eindeutig festgelegten Machtpositionen, diese sind vielmehr spielerisch variabel. Insofern spielt das Artifizielle und Inszenierte, das gemeinhin eher für Major- als für Indie-Produktionen charakteristisch ist, eine entscheidende Rolle. Auf der anderen Seite sind Schwulenpornos dann aber doch meist authentischer inszeniert als Heteropornos, kommen »echtem« sexuellen Agieren jenseits des Bildschirms näher: So lange Kusseinstellungen wie in Schwulenpornos wird man auf dem Hetero-Markt kaum finden. »Authentischer« Austausch von Zärtlichkeit und offenkundige Inszenierung schließen sich hier nicht aus, vielmehr zieht der Schwulenporno seine subversive Note gerade aus dem Zusammenspiel von Authentizitätsversprechen und inszenatorischen Rahmungen, die entweder einen für gewöhnlich heterosexuellen Kontext »verschwulen« oder latent homoerotische Stoffe vereindeutigen. Letztgenanntes gilt zum Beispiel für den Film »Kleine Strolche« aus der Reihe »Action Boys«, der an Charles Dickens’ Roman »Oliver Twist« angelehnt ist. In »Kleine Strolche« tritt ein ominöser Mister Dickens auf, der im London des 19. Jahrhunderts Jungs von der Straße holt, sie bei sich aufnimmt, zu Taschendieben ausbildet und sich zugleich sexuell mit ihnen vergnügt. Ein wichtiges Arbeitsfeld der Queer Studies besteht darin, Stoffe der Weltliteratur auf ihren queeren Subtext hin zu lesen; nichts anderes haben die Produzenten von »Kleine Strolche« auf dreiste Weise mit »Oliver Twist« getan.

Die offene Verschwulung von latent homoerotischen Stoffen, Konstellationen und Milieus kennt keine Grenzen: Märchen aus 1001 Nacht, Klassenfahrt, Skiurlaub, Camping, Internat, Biker, Skater, Surfer, Fitness-Studio, Gefängnis, Militär … und natürlich auch Skinheads. Im Gegensatz zu den Settings im Heteroporno (besonders beliebt: Krankenhaus und Krankenschwestern) genügt es im Schwulenporno nicht, allseits vorhandene Männerfantasien einfach nur zuzuspitzen, sondern er muss immer erst einmal alles Vorgefundene umcodieren und von der Heteronormativität befreien, die stets vorausgesetzt wird. Dieser Akt der Selbstaneignung ist von entscheidender Bedeutung, denn nur selten spielen Schwulenpornos an klassischen schwulen Orten (Toiletten, Parks), viel beliebter sind homoerotisch aufgeladene Räume wie Militärkasernen, Klöster oder Schiffskajüten (für all das, was Foucault als Beispiel für »andere Räume« aufgeführt hat, dürfte sich ein Beispiel im gay porn finden), wo die Überschreitung zum real vollzogenen Sex noch immer ein gesellschaftliches Tabu darstellt.
Natürlich sind auch Schwulenpornos nicht immer frei von Macht-, Gewalt- oder Erniedrigungsfantasien. Entscheidend sind aber auch hier die Rahmung und der ausgewiesen inszenatorische Charakter. In einer Episode des Films »Bareback Road Trip« der Produktionsfirma Punkz Productions halten zwei »Polizisten« einen Mopedfahrer an, der sich nicht ausweisen kann. Sie nehmen ihn mit aufs Präsidium und vergewaltigen ihn im Duo. Während sich der eine »Polizist« einen blasen lässt, führt der andere dem Jungen erst einmal anal einen Gummiknüppel ein. Der Betrachter dieser Episode weiß, dass es sich nicht um zwei richtige Polizisten handelt, sondern um ein Spiel, das auf reale Polizeigewalt verweist: Die Filmepisode reinszeniert auf lustvolle Weise ein in der Realität meist auf Homophobie aufbauendes Gewaltszenario (Vergewaltigung durch Polizisten oder Gefängniswärter, die vorgeben, damit ihre Verachtung gegenüber Schwulen zum Ausdruck zu bringen). Der »vergewaltigte« Junge lacht am Ende der Episode und gibt sich damit als Spielteilnehmer zu erkennen. Dieses Lachen ist deshalb nicht der Gefahr ausgesetzt, Vergewaltigung unter dem Vorwand zu legitimieren, dass das Opfer diese ja »selbst gewollt« habe, da die gesamte Episode von Anfang an als fiktionale Inszenierung ausgewiesen ist. Schwule Traumata werden darin verarbeitet, Angst wird über ein ritualisiertes SM-Spiel abgebaut. Heterosexuelle Gang-Bang-Episoden sind dagegen für weibliche Betrachterinnen ungeeignet, um Ängste zu verarbeiten, da ihre Perspektive in ihnen gar nicht vorkommt. Anna Voswinckel sieht die Frau darin als sprachlos und gefügig gemachte Sexarbeiterin: »Anpassung, permanente Überwachung, Verlust von Solidarität, fortwährendes ›Arbeiten‹ an sich, Angst vor ›feindlichen Übernahmen‹, alles brav ›schlucken‹ müssen.«”
Und wo es hier die ganze Zeit schon um die aktuelle Jungle World geht: Gewohnt treffend analysiert der Redaktionsbeau Ivo Bozic die “Partei auf Anabolika”. Ferner geht der Preis für die beste Bild/Unterschrift-Kombination des Jahres eindeutig an die Zeitung aus der Berliner Bergmannstraße, seht bitte auf Seite 8 nach.